Wieso ein Jahr in Wien?

Ich habe ein Jahr in Wien studiert, und ich bin sehr stolz darauf. Wenn ich andere Studenten zum ersten Mal kennenlerne, wissen sie schon nach fünf Minuten, was ich letztes Jahr gemacht habe. Wieso erzähle ich davon? Viele studieren im Ausland, aber nicht so viele bleiben ein ganzes Jahr. Es ist nicht einfach, aber die Gelegenheit werde ich nie wieder haben, obwohl ich es mir jeden Tag wünsche.

Die ersten drei Monate in Wien waren "urleiwand" (ein wienerischer Ausdruck für super, toll oder cool, aber noch besser). Ich habe jeden Tag etwas Neues gelernt, neue Studenten kennengelernt, oder etwas Tolles erlebt. Ich habe die schönsten Wiener Gärten genossen, die Kaffeehäuser besucht, wo sich vor hundert Jahren die größten Denker Wiens trafen, um einen großen Brauner zu trinken. Ich habe die Barockkirchen gesehen und natürlich auch Kurse an der Hauptuni (Universität Wien) und an der WU (Wirtschaftsuniversität) belegt. Ich ging tagelang durch ruhige Gassen (wie die Kleeblattgasse oder Schönlaterngasse) und die groβen Einkaufsstraβen (wie die Mariahilferstraβe und Kärntnerstraße), die den ganzen Tag voll mit Menschen aus aller Welt sind. Man sieht die kaffeetrinkenden Wiener und die armen Touristen (wie wir sie genannt haben) mit Rucksäcken und Stadtplänen, ahnungslos darüber, wie man mit der Bim (Straβenbahn) fährt.

Im Dezember und Jänner hatten wir Prüfungen, das Wetter war echt grausam, und die Studenten vom ersten Semester waren wieder daheim (zu Hause in Amerika). Da sie nur ein Semester da waren, haben sie nur das Schönste Wiens gesehen. Sie hatten gerade den Eindruck gewonnen, daβ Wien ihre Heimat war, und dann sind sie zurückgeflogen. Ich, im Gegenteil, war immer noch da und konnte dann auch eine Woche mit dem Programm auf Skiurlaub fahren. Wir wohnten in einem Hotel in 2.000 Meter Höhe!

Danach sind die "neuen" Studenten gekommen, die auch nur ein Semester in Wien verbringen konnten. Ich fand es schade, daβ sie nie Herbst in Wien sehen würden, und, daβ die Wintersemesterstudenten nie Frühling in Wien erleben würden. Im Frühling blüht alles in den Wiener Parks, und, obwohl man inzwischen vergessen hatte, wie die Sonne ausschaut, ist sie doch zurückgekommen. Die Stimmung war noch besser als im Herbst, und das haben die Studenten versäumt, die nicht die ganze Zeit da waren.

Ich könnte stundenlang über die Schönheit Wiens reden. Es wäre aber fad (langweilig) für die Leute, die noch nicht da waren. Also kurzgefaßt: Ich habe Wien am Anfang als Touristin gesehen. Dann habe ich Wien als Studentin erlebt. Zum Schluß habe ich Wien als Wienerin betrachtet. Wien ist meine zweite Heimat, wird immer meine zweite Heimat sein, und, ohne ein ganzes Jahr dort zu verbringen, könnte ich das nicht behaupten.

Eine Freundin von mir hat es so erklärt: Das Jahr war zwar teuer, aber sie würde zehnmal soviel ausgeben, um ein ähnliches Jahr in Wien verbringen zu können. Ein Anderer sagte es so: Wir hatten die Gelegenheit, Wien zu lieben, zu hassen, und am Ende zu verstehen. Also? Viel Spaß mit Eurem Jahr in Wien!

Julie Lyden, Oktober 1999